Die Initiative für World Heritage Watch

Im Anschluss an das NGO-Forum in St. Petersburg arbeitete eine Initiativgruppe von sechs Personen das folgende Grundsatzpapier über die Aufgaben und Ziele von World Heritage Watch aus:

 

Die Initiative “World Heritage Watch“

Seit ihrer Verabschiedung 1972 ist die UNESCO-Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt (“Welterbekonvention”) eine überwältigende Erfolgsgeschichte: Sie wurde von 190 Staaten ratifiziert und hat damit fast weltweite Gültigkeit erlangt.

Viele der jetzt unter Schutz stehenden Stätten hätten nicht erhalten werden können, wenn sie nicht von der UNESCO und ihren Beraterorganisationen eingeschrieben, überwacht und unterstützt worden wären. Oft waren die internationale Aufmerksamkeit und das enorme Prestige, die mit dem Welterbestatus verbunden sind, entscheidend für die Rettung der Stätten vor den Kräften der Zerstörung und Ignoranz.

Dieser gewaltige Erfolg geht zum guten Teil auf die Idee zurück, die der Konvention zugrundeliegt: dass ein Teil des Erbes aller Staaten von so universellem Wert ist, dass er nationale Grenzen überschreitet und zu einem Erbe der Menscheit als ganzer wird. Die Konvention stellt eine globale Verantwortung für das Welterbe fest, indem sie bedenkt, dass „…es Aufgabe der internationalen Gemeinschaft als Gesamtheit ist,sich am Schutz des Kultur- und Naturerbes von außergewöhnlichem universellem Wert zu beteiligen…“

Und dennoch, trotz aller Bemühungen und Erfolge, bleibt der Erhalt des Kultur- und Naturerbes der Welt eine ständige Herausforderung. Heute sind in der Tat viele Stätten gefährdet, und angesichts in vielen Ländern abnehmender finanzieller Ressourcen und wachsender Anforderungen, denen sich eine steigende Anzahl von Welterbestätten gegenübersieht, übersteigen die Aufgaben zu Überwachung, Sicherung, Erhaltung, Unterstützung und Schutz der Stätten zuweilen die Kapazitäten der UNESCO und der Mitgliedstaaten.

Seit langem ist die Zeit gekommen, dass die Zivilgesellschaft der UNESCO-Welterbemission die Hand reicht, indem sie tätig wird, um Bedrohungen zu identifizieren und als Anwalt der Sache ihre Stimme zu erheben. Das Welterbe darf nicht länger allein eine Angelegenheit der Regierungen bleiben. Lokale Bevölkerungen und indigene Völker sollten von besorgten Bürgern dabei unterstützt werden, ihr Welterbe zu schützen.

Die Konvention fordert in Artikel 5 die Mitgliedstaaten auf, a) eine allgemeine Politik zu verfolgen, die darauf gerichtet ist, dem Kultur- und Naturerbe eine Funktion im Leben der Gemeinschaft zu geben…“ Die Erklärung von Budapest über das Welterbe (2002), die „Neuen Richtlinien über Partnerschaften der UNESCO mit Nichtregierungsorganisationen“ (Res. 36C/108), zahlreiche andere politische Dokumente der UNESCO und zum Welterbe sowie das Strategische Ziel Nummer 5 des Welterbekomitees bringen alle die Notwendigkeit zum Ausdruck, dass „relevante Gemeinschaften aktiv in die Identifizierung, das Management und die Bewahrung aller Welterbestätten eingebunden sein sollen“ (WHC-07/31.COM/13B)

Die Verantwortung für das Kultur- und Naturerbe gehört in erster Linie den Menschen, die auf oder in der Nähe einer Stätte leben. Die Einsicht ist gewachsen, dass die Bewahrung der Welterbestätten auf lange Sicht nur möglich sein wird, wenn lokale Gemeinschaften mobilisiert werden, sie einen Nutzen für ihre Wirtschaft, Bildung und Kultur haben und so ein Gefühl von Miteigentum entwickeln. Somit gibt es hinreichend Grund dafür, Bürgerinitiativen, indigenen und Nichtregierungsorganisationen eine strukturelle Rolle im Regime des Welterbes zu geben.

Im Bewusstsein dieser Erfordernisse und bestehender Mandate sind Nichtregierungs-organisationen, Bürger- und Wissenschaftlerinitiativen sowie besorgte Bürger aus der ganzen Welt zusammengekommen, um ein internationales gemeinnütziges Netzwerk mit dem Namen World Heritage Watch (WHW) ins Leben zu rufen, das mit der UNESCO und ihren Beraterorganisationen zusammenarbeiten und deren Bemühungen zur wirksamen Umsetzung der Welterbekonvention und zum Schutz der Welterbestätten ergänzen soll.

World Heritage Watch wird die erste internationale NGO sein, die ihre Arbeit ausschließlich auf die Welterbestätten – sowohl Kultur- als auch Naturstätten, eingeschriebene und vorläufige – konzentriert und dabei eng mit lokalen Gemeinschaften zusammenarbeitet. Die Möglichkeiten einer internationalen NGO, den Ansichten lokaler und indigener Gruppen weltweite Beachtung zu verschaffen, wird die Chancen erhöhen, dass deren Sorgen aufgegriffen werden, und wird sie daher ermutigen sich zu engagieren. Zugleich kann eine internationale NGO zur Bildung von Kapazitäten auf lokaler Ebene beitragen und eine nachhaltigere lokale Unterstützung für die Welterbestätten aufbauen.

Mitglieder und/oder Partner der Initiative World Heritage Watch können lokale Nichtregierungsorganisationen, UNESCO Clubs, akademische und informelle Initiativen sein, die ihren Sitz auf oder in der Nähe von Welterbestätten haben; nationale und internationale Nichtregierungsorganisationen, die für Welterbestätten arbeiten; indigene Völker, ihre repräsentativen Organe, Unterteilungen und/oder anderen besonderen Einheiten; und besorgte Einzelpersonen.

Die allgemeinen Ziele von World Heritage Watch werden sein

-       Bewusstsein, Information und Bildung über das Welterbe zu festigen und eine stärkere Identifizierung mit ihm zu schaffen;

-       die Umsetzung der UNESCO-Welterbekonvention zu stärken;

-       zum Schutz und zur Sicherung der Welterbestätten beizutragen.

World Heritage Watch wird diese Ziele verfolgen, indem es

-       ein Netzwerk und ein Forum zum Austausch von Informationen und Teilen von Erfahrungen seiner Mitglieder schafft, um zu einer verbesserten Beteiligung am Management und einem verstärkten Schutz der Welterbestätten beizutragen;

-       lokalen Gemeinschaften in oder in der Nähe von Welterbestätten eine stärkere Stimme beim Welterbekomitee und seinen Beraterorganisationen verschafft;

-       die Beschaffung von Mitteln für lokale Aktivitäten, einschließlich dem Aufbau von Kapazitäten, an Welterbestätten unterstützt;

-       aktuelle und detaillierte Informationen, die für die Bewahrung der Welterbestätten von Belang sind, an das Welterbekomitee, seine Beraterorganisationen und die verschiedenen Organe der Konvention heranträgt;

-       das allgemeine öffentliche Bewusstsein über die Werte der Welterbestätten erhöht; und

-       die allgemeine Öffentlichkeit über Entwicklungen informiert, die die Welterbestätten betreffen.

Die Initiative World Heritage Watch wurde durch Resolution eines NGO-Forums ergriffen, das vom 22.-24. Juni 2012 in St.Petersburg aus Anlass der Tagung des Welterbekomitees stattfand. Die Personen, die die Aufgabe übernommen haben, World Heritage Watch zu gründen, sind (in alphabetischer Reihenfolge)

Elena Belokurova (Staatliche Universität St. Petersburg) belokur@eu.spb.ru

Ivan Blokov (Greenpeace Russland, Moskau) ivan.blokov@greenpeace.org

Stephan Dömpke (People and Nature, Berlin), PANDoempke@t-online.de

Alec Marr (Strategic Interventions, Australia) alec@strategicinterventions.net

Sneshka Quaedvlieg-Mihailovic (Europa Nostra, Brüssel) sqm@europanostra.org

Prof. Michael Turner (UNESCO Chair, Bezalel-Akademie, Jerusalem) unescochair@bezalel.ac.il